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Aktueller Thriller

Das Skript
Psychothriller
390 Seiten
Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

Das Skript
Hörbuch, autorisierte Lesefassung
6 Audio CDs
ISBN: 978-3839811085
Argon

 


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Rund ist die Welt

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Bevor Armin das Haus verließ, sah er sich noch einmal um.

Sein Blick blieb an dem einen oder anderen vertrauten Gegenstand mehrere Sekunden hängen, und ihm war bewusst, er sah das Alles nun zum letzten Mal. Die alte Kommode mit den verzierten, goldenen Griffen, die sich anfühlten wie gedrehte Lakritzstangen. Auf der Ablage glänzte sein Hausschlüssel, den er nun nicht mehr brauchen würde. Die große Vase daneben, an deren Rand ein Dreieck herausgebrochen war, als Armin sie im letzten Jahr umgeworfen hatte. Egal. Er riss sich von dem Bild los und verließ das Haus. Die Sonne stand schon so tief, dass sie direkt in seine Augen schien und ihn blendete.
Als er das Gartentor hinter sich geschlossen hatte und losmarschierte, musste er schon nach wenigen Metern die Sporttasche mit der anderen Hand tragen, weil der dünne Griff ihm in die Handfläche schnitt. Vielleicht hatte er sie doch zu voll gepackt? Aber es befand sich wirklich nichts darin, worauf er hätte verzichten können. Zwei Flaschen Waldmeisterlimonade waren bestimmt nicht zu viel als Durstlöscher für die erste Zeit.

Klar, der Orangensaft in der Pappverpackung wäre leichter gewesen als die Glasflaschen mit der Limonade, aber Armin hasste diese ekligen, kleinen Bröckchen, von denen immer so viele in dem Saft herumschwammen. Und obwohl seine Mutter das genau wusste, kaufte sie den blöden Saft ohne Rücksicht auf ihn immer wieder.

Auf ihn wurde sowieso nie Rücksicht genommen. Immer musste alles so gemacht werden, wie Mama und Papa das sagten, obwohl Armin sich absolut sicher war, dass es viele Dinge gab, die er einfach besser wusste, weil er noch nicht so alt war und so unmodern. Aber damit war ja jetzt sowieso Schluss. Wie sagte Papa immer: 'Wer nicht hören will, muss fühlen!'
Die drei Tafeln Schokolade aus dem Küchenschrank oben rechts hatte er vorsichtshalber in eine Plastikdose gelegt, damit sie in der engen Tasche nicht zerdrückt wurden. Damit war die Verpflegung auch erst mal gesichert.
Dann gab es da noch einige Kleinigkeiten, die man unbedingt brauchte. Das Schweizer Messer, ein Kommunionsgeschenk von Onkel Günther. Das würde ihm gute Dienste leisten, wenn er sich Äste für ein Lagerfeuer schneiden musste. Oder wenn er einen Hasen gejagt oder einen Fisch gefangen hatte. An eine Angelschnur mit Haken hatte er natürlich auch gedacht. Papa würde fuchsteufelswild werden, wenn er bemerkte, dass auf der neuen Spule seiner Angel keine Schnur mehr war.
Aber das war jetzt egal. Sollte er doch wütend werden. Armin war so oft wütend geworden und niemand hatte sich darum geschert. Er war ja nur ein Kind.

Aber er war kein Kind mehr. Und wenn schon, dann war er ein großes Kind. Mit seinen zehn Jahren wusste Armin schon ganz genau, was er wollte. Vor allen Dingen wusste er, was er nicht wollte: Er wollte keine Angst mehr haben, wenn er im Diktat eine Sechs kassiert hatte.
So wie an diesem Morgen.
Während ihm die viel zu schwere Tasche beim Gehen immer wieder gegen die Beine schlug, sah er das Bild seines Vaters deutlich vor sich, wie er mit rotem Kopf vor ihm stehen und mit dem Klassenarbeitsheft wild vor seiner Nase herumwedeln würde. Dabei würde er mit der lauten Stimme reden, die Armin immer Angst machte:
Wie oft soll ich dir noch sagen, dass das, was du jetzt tust, für dein ganzes Leben wichtig ist, würde er brüllen. Möchtest du später vielleicht die Straße kehren, weil du zu faul warst, für die Schule zu lernen? Nimm dir einmal ein Beispiel an mir. Mir hat man auch nichts geschenkt. Ich habe von klein auf hart gearbeitet. Aber du denkst, es geht alles von selbst. Ich kann dir sagen, woran das liegt: Du bist zu verwöhnt. Das werden wir ändern! Ab jetzt hast du Hausarrest, und zwar so lange, bis deine Noten besser werden. Basta!
Das würde sein Vater sagen. Wie jedes Mal, wenn er eine Fünf oder Sechs in Deutsch hatte.
Dann würde er wie jedes Mal tagelang nach der Schule alleine in seinem Zimmer sitzen müssen, die Schulbücher auf dem kleinen Schreibtisch verteilt. Ab und zu würde die Tür aufgehen und Mama brächte ihm ein Glas Orangensaft mit Bröckchen darin. Aber was sollte er tun? Wie konnte er für Deutsch lernen - alleine?
Einmal hatte Papa zum Lehrer gemusst. Armin durfte nicht mitgehen und Papa hatte ihm auch nicht gesagt, worüber geredet worden war. Abends hatte Armin nur gehört, wie Papa in der Küche zu Mama sagte, dass er diesen Quatsch von – das Wort hatte Armin nicht verstanden – nicht glauben würde. Sein Sohn wäre nicht krank im Kopf, sondern nur zu faul. Nicht auszudenken, wenn die Kollegen erfahren würden, dass sein Sohn – wieder dieses Wort – war. Diese Blamage, sein Sohn. Womöglich würde noch jemand denken, das hätte er von ihm geerbt! Na ja, manchmal war Papa ja auch ganz anders. Wenn er besonders gut gelaunt war, sagte er oft: Rund ist die Welt, bunt ist die Welt!
Armin wusste nicht genau, was damit gemeint war, aber es hörte sich nach Abenteuer an. Es hörte sich an, als gäbe es da draußen mehr Spaß als zu Hause.
Er verzog das Gesicht, als der Hals einer Waldmeisterlimonadenflasche ihn durch den dünnen Stoff der Tasche am Knie traf.
Armin setzte sein Gepäck ab und öffnet den Reisverschluss. Dann wickelte er eine Flasche in sein rotes T-Shirt, die andere in die nachgemachte Jeanshose.
Mama kaufte ihm immer nur diese nachgemachten Jeans. Die echten, die von den richtigen Firmen, waren viel zu teuer für jemanden, der noch alle paar Monate aus den Kleidern wächst, hatte sie gesagt. Armin fragte sich, warum nur die anderen Eltern ihre Kinder lieb genug hatten, um ihnen echte Jeans zu kaufen. Wahrscheinlich, weil die nicht so schlechte Noten hatten. Aber darüber wollte er sich jetzt eigentlich keine Gedanken mehr machen. Das war jetzt sowieso egal. Er war nun auf sich gestellt.

Armin zog den Reißverschluss zu und nahm die Tasche mit Schwung wieder auf.

Er war auf dem Weg in ein neues Leben.
Rund ist die Welt, bunt ist die Welt!
Armin war schon ein gutes Stück von zu Hause weg. Bis zu dem kleinen Waldstück, wo er mit Bernd und Pit einmal mit den Fahrrädern gewesen war, hatte er nur noch etwa eine halbe Stunde zu gehen. Dort würde er sich das erste Nachtlager einrichten. Er würde sich ein Feuer machen und so lange wach bleiben, wie er Lust hatte. Am nächsten Tag würde er weiterziehen. Wohin genau, das wusste er noch nicht, aber er hatte ja alle Zeit der Welt. Er brauchte ja ab jetzt nicht mehr zur Schule zu gehen und auch sonst nichts mehr zu tun, worauf er keine Lust hatte. Nie wieder.
Auf Armins Gesicht zeigte sich ein Lächeln. Nie wieder.
Rund ist die Welt, bunt ist die Welt!
Als er das Wäldchen am Stadtrand erreichte, war die Sonne längst untergegangen, und das Tageslicht wurde langsam schwächer. Armin duckte sich unter den weit herabhängenden Zweigen der vorderen Bäume hindurch. Dabei musste er sich gleichzeitig durch das Gestrüpp am Boden kämpfen, was in gebückter Haltung mit der schweren Tasche gar nicht so einfach war.
Als er ein Stück in den Wald vorgedrungen war, fand er einen schönen Platz. Der Boden dort war dicht mit Laub bedeckt und an zwei Seiten durch große Steine eingegrenzt. Er stellte seine Tasche ab und begann, Holzstücke vom Boden aufzusammeln. Dabei kam er sich ein bisschen vor wie Robinson Crusoe auf seiner einsamen Insel.

Armin saß an dem knisternden Feuer und schaute den Flammen bei ihren züngelnden Spielen zu. Um ihn herum wurde es langsam dunkel, und mit dem Schwinden des Tageslichts schwand auch die Freude über die neu gewonnene Freiheit. Von überall hörte er seltsame Geräusche. Es knackte und raschelte, rauschte und fiepte, und er hatte keine Ahnung, wer diese Geräusche verursachen könnte. Immer wieder sah er sich um, konnte aber in der Dunkelheit nichts erkennen.
Plötzlich knackte es direkt neben ihm laut und Armin fuhr erschrocken zusammen. Da stand ein Mann vor ihm, und dieser Mann sah wirklich zum Fürchten aus. Er war alt. Die langen Haare sahen dünn und strähnig aus und das Gesicht war fast völlig mit einem dichten, struppigen Bart bedeckt. Der schmutzige, an der Schulter eingerissene Mantel verströmte einen komischen Geruch. Armin saß da wie erstarrt und sah den Mann einfach nur an.
Der warf einen Blick auf Armins geöffnete Tasche und die daneben liegende Limonadenflasche und die Schokolade. Da verzog sich der Bart, und ein freundliches Lächeln machte sich auf dem großporigen Gesicht darunter breit.
„Guten Abend, junger Mann. Ich nehme an, du bist auf Wanderschaft, so wie ich. Darf ich mich zu dir an dein Feuer setzen?“ Armin nickte langsam, ohne das bärtige Gesicht dabei aus den Augen zu lassen.
Der Alte setzte sich ächzend neben ihn und dabei sah Armin, dass auch er eine Tasche dabei hatte. Oder jedenfalls so etwas Ähnliches. Es war eher eine große Plastiktüte, die er nun neben Armins Sporttasche abstellte und dann öffnete. Er kramte darin herum und zerrte dann eine Papiertüte heraus. So eine, wie man sie immer beim Bäcker oder beim Metzger bekam.
Immer noch lächelnd zog er ein belegtes Brötchen aus der Tüte und hielt es Armin hin. Als der zögerte, sagte er freundlich: „Du kannst es ruhig nehmen. Es ist frisch von heute morgen und ich habe noch eines. Da ist leckere Wurst drauf. Nimm nur.“

Geduldig hielt er Armin das Brötchen hin, bis dieser schließlich seine Angst überwand und es nahm.
Es schmeckte wirklich köstlich.
Der Alte nickte. „So ist es gut. Ich heiße Johann. Und du?“

„Armin“, antwortete er mit vollem Mund. „Armin, soso. Du bist also auf Wanderschaft. Von zu Hause weggelaufen?“

Er nickte kauend. Der erste Schreck war verflogen und eigentlich war er froh, dass er nicht mehr alleine hier im Wald war. Johann war ein Landstreicher, er würde ihn nicht nach Hause schicken. Außerdem schien er nett zu sein.
„Ich weiß, es ist eine sehr persönliche Frage, aber ich würde gerne wissen, warum du weggelaufen bist?“ Armin wägte einen Moment das Für und Wider ab und kam zu dem Schluss, dass er mit Johann reden konnte.
„Weil ich in Deutsch so schlecht bin. Und wegen noch anderen Sachen, aber hauptsächlich, weil ich in Deutsch so schlecht bin.“

„Aha, du bist schlecht in Deutsch? Das möchte ich aber genauer wissen. Ich war nämlich vor langer Zeit einmal Lehrer, musst du wissen, bevor …“ Sekundenlang starrte der Alte in das Feuer, dann schüttelte er den Kopf, als würde er eine lästige Fliege vertreiben wollen. „Ist ja auch egal. Also erzähle mal.“

Und Armin erzählte.

Knappe zwei Stunden später drückte er auf den Klingelknopf neben ihrer Haustür. Als sein Papa die Tür öffnete und Armin dort stehen sah, wurden seine Augen groß.
„Armin, Junge, mein Gott, da bist du ja. Wir haben uns solche Sorgen gemacht!"
Er drehte sich um und rief ins Haus: „Der Junge ist da! Armin ist da!"
Dann sah er ihn wieder an und die Erleichterung auf seinem Gesicht veränderte sich zu einem Ausdruck, den Armin nur zu gut kannte.
„Was denkst du dir …"
„Hallo Papa“, fiel er seinem Vater ins Wort. „Ich wollte eigentlich weglaufen, aber das ist kindisch und dazu bin ich eigentlich schon zu alt. Ich glaube, es ist viel besser, wenn wir uns jetzt über meine, ähm … Legst … Legasthenie unterhalten. Dagegen kann man nämlich etwas tun, und wenn du das nicht möchtest, ist das gar nicht schlimm. Ich habe einen ganz netten Mann kennengelernt und der hat mir gesagt, wo dieses Amt ist. Da sind die Leute, die sich um Kinder kümmern, die von ihren Eltern nicht unterstützt werden. Und die helfen mir dann, wenn du mir nicht helfen möchtest. Und der Rektor meiner Schule hilft mir bestimmt auch, wenn ich ihm sage, dass ich Legistie habe. Der nette Mann hat gesagt, es wäre doch schade, wenn ich später die Straße fegen muss, weil mein Papa zu stolz war, um mir zu helfen.“

Papa sah ihn einige Sekunden verblüfft an, dann machte er einen Schritt auf ihn zu und nahm ihn wortlos, aber lächelnd in den Arm.
Rund ist die Welt, bunt ist die Welt!

copyright 2011 by Arno Strobel