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Das Skript
Psychothriller
390 Seiten
Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

Das Skript
Hörbuch, autorisierte Lesefassung
6 Audio CDs
ISBN: 978-3839811085
Argon

 


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Schattenspiele

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Mit einem erleichterten Seufzer stellte ich die Tasche in den feinkörnigen Sand und setzte mich seitlich auf die blaue Stoffbespannung der Liege. Der leichte Wind, der unablässig vom Meer her über den Strand strich, verwandelte die Schweißperlen auf meiner Stirn in winzige Kühlaggregate und ließ trotz der Hitze eine Gänsehaut auf meinen Armen entstehen.
Für einen Moment schloss ich die Augen, hielt das Gesicht in den Wind und genoss das Gefühl der gegensätzlichen Temperaturempfindungen auf meinem Körper.
Mein erster Urlaubstag!
Zwei Wochen der Ruhe und Entspannung lagen vor mir, und der Gedanke daran war wie eine Seelendusche unter feinperligen Glückshormonen.
Als ich die Augen wieder öffnete und zur Seite sah, lächelte mich das hübsche Gesicht einer Mittdreißigerin an.
Ihre Liege stand nur etwa eineinhalb Meter neben meinem Platz, was angesichts der Menschenmasse an diesem Strandabschnitt durchaus als ‚normal‘ zu bezeichnen war.
Sie lag auf dem Rücken, hatte den Oberkörper auf die angewinkelten Arme abgestützt und strahlte eine deutliche, aber unaufdringliche Erotik aus, die aus meiner imaginären Dusche plötzlich eine andere Art von Hormonen rieseln ließ.
Ich lächelte zurück und hoffte dabei, dass meine Gedanken nicht allzu deutlich von meinem Gesicht abzulesen waren. Dann stand ich auf, um endlich Hose und T-Shirt loszuwerden und meinen büroweißen Körper der Sonne anzubieten.
Mein Blick fiel auf die andere Seite, wo ein südländischer, muskulöser Typ mit pechschwarzen, langen Locken auf seiner Liege saß und mich ebenfalls anlächelte.
Sein Lächeln war von anderer Qualität und der Blick, mit dem er meinen Körper taxierte, ließ nur eine Vermutung zu.
Schnell wandte ich mich von ihm ab und dachte etwas verärgert: Pech gehabt, mein Junge. Ich stehe wirklich nicht auf Männer.
Dann jedoch gewann meine gute Laune wieder die Oberhand und ich schob gedanklich nach: Aber versuchen konntest du es ja mal‘.
Ein erneuter Blick zu meiner Nachbarin versöhnte mich vollends, und als ich endlich alle Sachen verstaut, das Kopfteil meiner Liege aufgerichtet und mich hingelegt hatte, verschwendete ich keinen weiteren Gedanken mehr an den Kerl.
Ich ergriff die Sonnenmilchflasche und begann, mich einzuschmieren.
Gerade hatte ich die dickflüssige Creme auf meinem Bauch platziert, als ein Schatten auf meinen rechten Oberschenkel fiel.
Ich sah auf, um den Sonnenräuber zu finden, und wurde wieder von meiner Nachbarin angelächelt, die nun zwischen unseren Liegen stand und sich ebenfalls einrieb.
Der Schatten auf meinem Bein stammte von ihrem Kopf. Sie schien es zu bemerken, denn sie machte einen kleinen Schritt rückwärts, gerade so weit, dass die Sonnenstrahlen meinen Oberschenkel wieder erreichten. Dann hob sie kurz die Schultern und beschäftigte sich wieder mit ihrer Haut.

Fasziniert sah ich zu, wie sie die Handfläche mit langsamen Bewegungen über ihren Bauch gleiten ließ und dabei eine glänzende Schicht auf der braunen Haut erzeugte. Dann stellte sie die Ölflasche auf der Liege ab, beugte sie sich leicht nach vorne und strich mit beiden Händen über ihre Oberschenkel. Erst außen, von oben nach unten, dann auf der Innenseite, vom Knie an wieder aufwärts. Kurz, bevor ihre Hände sich am Stoff ihrer Bikinihose trafen, hielt sie inne, neigte den Kopf zur Seite und sah mich an. Sie lächelte nun nicht mehr. Ihre Augen waren halb geschlossen und der Mund ein wenig geöffnet. Eine Haarsträne in ihrem Mundwinkel komplettierte dieses Bild der Sinnlichkeit.
Ich fühlte mich ertappt und wollte den Kopf schnell wegdrehen, aber tausende von kleinen, leichtfüßigen Wesen, die durch meinen Bauch huschten, schienen den Bewegungsapparat außer Kraft zu setzen. Wie gebannt starrte ich sie an.
Sekunden lang.
Minuten lang?
Schließlich befreite sie mich aus meiner Starre, indem sie den Oberkörper mit einem Ruck aufrichtete und sich auf ihre Liege setzte.
Ich wandte mich verwirrt ab und sah über meine Füße hinweg zum Meer, aber ihr Bild stand immer noch vor meinen Augen wie die Negativprojektion eines gerade vergangenen Lichtblitzes.
Schon oft hatte ich Frauen gesehen, die ich als schön, attraktiv oder auch als sexy empfunden hatte. Aber noch nie zuvor hatte der Anblick einer Frau so kompromisslos und direkt - ganz ohne Umwege - das Zentrum meines Lustempfindens aufgewühlt. Eine gewaltige Welle rauschte durch meinen Körper, baute sich immer weiter auf und ließ mich ahnen, dass sie sich zwischen meinen Beinen brechen würde in einer schäumenden Gischt, wenn es mir nicht sofort gelang, meine Gedanken abzulenken.
Sie wurden abgelenkt! Erneut durch einen Schatten, der sich plötzlich auf meinem Körper legte. Etwas höher dieses Mal, über dem Bauchnabel.
Und wieder war sie die Verursacherin. Sie saß auf ihrer Liege, hatte einen Arm erhoben und betrachtete interessiert den dunklen Fleck auf meinem Bauch, den ihre Hand erzeugte. Sie musste meinen Blick bemerken, aber sie sah mir nicht in die Augen. Nun legte sie Daumen und Mittelfinger zusammen und bewegte sie auf und ab. Ich sah auf meinem Bauch den Kopf eines Hundes, der mit geöffnetem Maul hin- und herwiegte.
Ich musste lachen. Sie benutzte doch tatsächlich meinen Körper als Leinwand für ihre Schattenspiele.
Aus dem Hundekopf wurde ein Krokodil, dann ein Vogel mit ausgebreiteten Schwingen.
Ich lehnte mich bequem zurück und sah amüsiert der Vorführung auf meinem Bauch zu.
Der Vogel verwandelte sich in einen Elefantenkopf und dann – in eine Hand.
Diese Schattenhand begann nun damit, mir über den Bauch zu streichen. Auf und ab, kurz vor dem Stoff der Hose abstoppend und einen Moment verharrend, um dann wieder aufwärts zu gleiten.
Dann verschwand sie kurz und tauchte auf meinem Oberschenkel auf, wo sie wieder auf Wanderschaft ging. Langsam. Zum Knie und zurück bis an den Stoffrand, dort mit leicht kreisenden Bewegungen verharrend. Streichelnd, leibkosend. Ich bemerkte, wie sich wie von selbst meine Pomuskeln strafften und meinen Unterleib leicht nach oben drückten, als könne ich diese Schattenhand damit beeinflussen.
Dann lag der Schatten plötzlich auf meiner Hose und ich vermochte ein leises Stöhnen kaum zu unterdrücken.
Die Hand zog sich zusammen, wurde wieder größer, bewegte sich etwas hin und her, dann auf und ab. Zaghaft erst, dann immer deutlicher, und ich hatte das Gefühl, tatsächlich einen leichten Druck zu spüren.
Ich zwang mich, kurz nachzusehen, ob der Kerl auf der anderen Seite etwas davon mitbekam, aber der lag auf dem Bauch und schien zu schlafen.
Der Schatten auf bewegte sich weiter hin und her, streichelnd, reibend. So herrlich reibend.
Die Welle in meinem Inneren kam wieder, aber sie nahm nicht mehr den Umweg durch meinen Körper. Direkt zwischen meinen Beinen baute sie sich auf. Rauschend, schäumend. Wie eine Wand, immer höher.
Dann brach sie und riss mich in einen Strudel, der mir fast die Sinne raubte.
Mit aller Willenskraft warf ich mich herum, legte mich auf den Bauch und barg das Gesicht in der Armbeuge. Gab mich ganz diesem unbeschreiblichen Gefühl hin.

Als ich den Kopf hob und sie ansah, lachte sie mir wieder zu, als sei nichts geschehen.
Noch etwas benommen stand ich auf und ging zu ihr.
„Das war wunderschön“, sagte ich, als ich vor ihr stand.
Sie legte den Kopf etwas schief und sagte keck: „Nur ein Vorgeschmack! Wie heißt du?“

„Vera“, sagte ich.

copyright 2011 by Arno Strobel