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Aktueller Thriller

Das Skript
Psychothriller
390 Seiten
Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

Das Skript
Hörbuch, autorisierte Lesefassung
6 Audio CDs
ISBN: 978-3839811085
Argon

 


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Was man nicht alles tut ...

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Ich hatte vor, nur ein gemütliches Feierabendbierchen zu trinken, als dieser bedauernswerte Mensch mein Leben kreuzte. Lediglich eine kleine halbe Stunde lang wollte ich schlückchenweise den Promillewert dezent anheben als kleine Selbstbelohnung für die vollbrachten Leistungen des Tages, bevor ich mich dann auf den Heimweg zu meiner Inge machen würde.
 Ich muss vorausschicken, dass ich ein sehr ausgeglichener Mensch bin.
Dafür habe ich auch Einiges getan, man wird schließlich nicht als Mister Ausgeglichenheit geboren, nein, man muss vielmehr konsequent darauf hinarbeiten, diesen erstrebenswerten Zustand zu erreichen.
 Diese armen, gestressten Managertypen in ihren Armani-Anzügen, die gar nicht wissen, wie ihre teure Rolex-Uhr genau aussieht, weil sie keine Zeit haben sie anzusehen, entlocken mir nur ein müdes Lächeln.
 Ich kenne jede einzelne der kleinen Farbschattierungen meiner Swatch. Jede mögliche Stellung der Zeiger, wenn sie sich nach der Mittagspause langsam in Richtung vier Uhr schieben, ist mir so vertraut wie Inges Sauerkraut mit Würstchen.
 Mein Job als mittlerer Verwaltungsbeamter ist bestimmt nicht einfach, aber ich habe ihn ja gewollt, habe ganz konsequent darauf hingearbeitet.
 Fast jede Fortbildungsmaßnahme - ein hinterlistig versteckter Schritt auf eine Beförderung zu, die zwangsläufig mehr Stress bedeutet - habe ich gekonnt umgangen.
 Bei den wenigen Seminaren, die sich gar nicht verhindern ließen, ist es mir durch geschicktes Taktieren gelungen ein Ergebnis zu erzielen, das mir meinen jetzigen Arbeitsplatz dauerhaft sichert.

 Ebenso zielstrebig habe ich für mein ausgeglichenes Eheleben gesorgt.
 Meine Inge ist wirklich eine tolle Frau.
 Was nutzt es, eines dieser schlanken, hübschen Models zu Hause sitzen zu haben, die einfach nur schön sind und sonst nichts? Die ständig von fremden Männern angegafft werden und nur Sex im Kopf haben?
 Meine Mutti - so nenne ich die Inge meist  ist da ganz anders. Die kümmert sich um den Haushalt und kann kochen. Ihre Bohnensuppe  ein Gedicht.
Tja, und  Sex - Ich brauche das wirklich nicht so oft. Und ab und zu …
 Aber genug jetzt davon.
 Ich saß also in dieser Kneipe in der Altstadt und betrachtete mir mit einem innerlichen Kopfschütteln diese jungen Frauen, die ohne einen Anflug von Schamgefühl da herumsaßen in Shirts, die so weit ausgeschnitten waren, dass ihre, na ihr wisst schon, ihre Dinger fast raus fielen.
 Ich sah sie mir ganz genau an, das heißt, ich studierte sie, weil ich rausfinden wollte, was diese Frauen dazu trieb, sich so darzustellen.  Ein wirklich schwieriges Unterfangen, das eine ganz eingehende Betrachtung des Studienobjektes erforderte.
 Gerade, als ich mit der Feinanalyse begonnen hatte, betrat dieser Mensch das Lokal.
 Er war mittleren Alters, durfte ungefähr mein Jahrgang sein, und ich erkannte auf Anhieb, dass dieser Mann alles andere als ausgeglichen war.
 Er war schlank, und die muskulöse Brust zeugte genau wie die kräftigen Oberarme davon, dass der arme Kerl wohl keine harmonische Beziehung hatte, denn er schien sich in irgendeine schweißtreibende Sportart flüchten zu müssen.
 Seine wasserblauen Augen stachen strahlend aus dem dunkel gebräunten Gesicht hervor, eine Maske, mit der er wohl irgendwas zu kompensieren versuchte.
 Armer Kerl. Legte sich wahrscheinlich regelmäßig unter ein Solarium und nahm dabei in seiner Frustration sogar das Hautkrebsrisiko in Kauf.
 Er trat mit einem übertrieben zur Schau gestellten Lächeln an die Theke, legte seinen Autoschlüssel wenige Zentimeter neben meinem Glas ab und lehnte sich dann lässig an einen Barhocker. Ich warf einen kurzen Blick auf den Schlüssel.  Porsche!
 Was musste dieser Mensch einsam sein. Hatte sich wahrscheinlich hoch verschuldet, weil er hoffte, durch ein Auto Anerkennung zu bekommen.
 Ich nahm einen Schluck von meinem Bier und betrachtete ihn dabei aus den Augenwinkeln.
 Er schien es bemerkt zu haben, denn immer noch lächelnd sagte er: „Hallo.“
 Zu mir. Einem für ihn wildfremden Menschen. Er musste wirklich sehr einsam sein.
 Ich nickte ihm kurz zu, blickte dann aber gleich in eine andere Richtung. Schließlich war ich weder verzweifelt, noch einsam.
 Ich sah erst wieder zu ihm herüber, als ich direkt neben mir mehrere weibliche Stimmen hörte. Es waren drei der jungen Frauen, die ich kurz zuvor noch studiert hatte.
Mit überschwänglichem Getue umarmten und küssten sie den armen Kerl, drückten sich an ihn und kicherten wie Schulmädchen auf dem Klo.
 Nun musste er sich auch noch mit diesen albernen, halbnackten Frauen abgeben, die wahrscheinlich keinen anderen Gedanken im Kopf hatten als Sex.  Kochen konnten die bestimmt nicht.
 Während ich das Treiben neben mir beobachtete, wurde mir wieder einmal bewusst, wie ausgeglichen und ruhig mein Leben doch war.
 Irgendwann beugte er sich ein wenig über die Theke und sagte an der halbentblößten Oberweite einer Blondine vorbei zu mir: „Trinken Sie ein Bierchen mit?“
 Ich erschrak etwas, denn ich hatte mich an eben dieser Blondine gerade wieder meinen ernsthaften Studien gewidmet. In kürzester Zeit erfasste ich die Situation.
 Ich begriff, dass dies ein Hilferuf war, sein verzweifelter Versuch, sich mit einem ernsthaften, ausgeglichenen Menschen zu unterhalten.
 So nickte ich ihm zu, woraufhin die junge Frau -  mein Studienobjekt - entzückt ausstieß: „Prima, lasst uns noch was trinken.“
 Sie war alles andere als der Typ Frau, mit dem ich normalerweise zu tun habe, aber ich lächelte ihr trotzdem zu. Nicht ihr zuliebe. Nein, ich tat es, weil der Mann mir einfach leid tat.
Obwohl, dumm schien sie nicht zu sein, denn sie fragte mich schon nach einer Minute, ob ich Beamter wäre. Sie hatte wohl instinktiv meine Ausgeglichenheit gespürt und mir folgerichtig den richtigen Beruf zugeordnet.
Ein bisschen stolz machte mich das schon.
 Jedenfalls war das der Beginn dieses langen Abends, der zwar ganz anders war als meine normalen Abende und überhaupt nicht in mein Leben passte, aber ich hatte schon nach einigen wenigen Bierchen gespürt, dass ich einfach durchhalten musste. Meine soziale Ader hatte sich geregt, und ich fühlte mich ein wenig wie ein Missionar, der ein gutes Werk tat, auch wenn ich mir dafür den Abend mit diesen Frauen um die Ohren schlagen musste.
 So ertrug ich Brüderschaft trinken und Küsschen mit allen drei Frauen, wobei sie Ihre Dinger an mich drückten, ebenso wie die Tatsache, dass sie abwechselnd einen Arm um mich legten und mir die Haare kichernd durcheinander machten.  Es ging schließlich um einen sozialen Dienst. Darum, einem einsamen Menschen das Zeichen zu geben, dass sich jemand für ihn interessierte, der aus der Kraft seiner Ausgeglichenheit schöpfen konnte.
 Als ich das Lokal verließ, zeigte meine Swatch mir, dass es kurz nach Mitternacht war. Glaube ich.
 Eben, auf dem Weg zum Taxistand - der letzte Bus war längst weg – dachte ich darüber nach, dass es besser ist, Mutti nicht mit den Einzelheiten des Abends zu belasten. Sie würde sich nur unnötige Gedanken machen, weil ich mich bis zur Selbstaufgabe um einen fremden Menschen gekümmert habe.

 Nun sitze ich im Taxi und überlege mir gerade, dass ich morgen Abend wieder in das Lokal gehen werde. Vielleicht ist Andy wieder da und hofft darauf, mich dort zu treffen. Selbst wenn die Frauen auch wieder dort sein sollten - ich werde es in Kauf nehmen.
 Um Andys Willen.
 Mutti werde ich sagen, ich müsse morgen länger arbeiten. Ich möchte nicht, dass sie sich sorgt.

 Was man nicht alles tut, um anderen zu helfen.

copyright 2011 by Arno Strobel