Die Versuchung
Markus saß gemütlich bei einer Tasse Espresso und seine Welt war noch rund, als sie das Café betrat.
Bezeichnenderweise dachte er gerade an ihn, als sie einen Moment neben der Eingangstür stehen blieb und sich suchend umsah.
Ihr Blick streifte ihn dabei nur kurz, doch ihm war, als wäre in diesem kleinen Moment eine Brücke entstanden zwischen den braunen Augen und ihm. Und etwas war in ihren Augen, ein Gefühl, das ihn über diese Brücke erreichte und ihn berührte. Er spürte ganz deutlich, wie es in ihn eindrang und sich dann wie die Strahlen einer kleinen Sonne heiß in seinem Inneren ausbreitete.
Markus konnte den Blick nicht von ihr abwenden, während sie auf ihn zusteuerte und sich dann am Nebentisch niederließ.
Erst, als sie ihm zulächelte, ergriff er nervös den kleinen Löffel und rührte unsinnig in der vor ihm stehenden Tasse herum.
Markus war verwirrt wie selten zuvor.
Wie war das möglich? Wie konnte eine Frau plötzlich diese Gefühle in ihm erzeugen?
Er hatte sich doch vor so langer Zeit schon entschieden, und diese Entscheidung war kein Zufallsprodukt gewesen.
Wie lange hatte er mit sich gehadert? Hatte sich Freunden anvertraut und sich gegen ihre Bedenken doch dazu entschlossen, nur auf sein Gefühl zu hören?
Stellte sich nun, nach all den Jahren, in diesem kleinen Café an einem bis dahin ganz normalen Samstag heraus, dass sein Gefühl ihn getäuscht hatte?
Sollte er sich wirklich so sehr geirrt haben?
Vorsichtig, fast ängstlich sah er zu ihr hinüber, spürte deutlich, dass er das Schicksal herausforderte, wenn er sich näher mit ihr beschäftigte und konnte sich trotzdem nicht dagegen wehren.
Sie war schön. Nicht hübsch, wie die jungen Frauen in den Zeitschriften. Nein, sie strahlte eine natürliche Schönheit aus, deren Fundament ihr ganzes Wesen umschloss.
Viele Jahre war es her, seit er zum letzten Mal eine Frau so gesehen hatte. Nie hätte er es für möglich gehalten, dass …
„Entschuldigen Sie bitte!“
Markus zuckte zusammen. Er hatte nicht bemerkt, dass sie sich ihm zuwandte, obwohl er sie die ganze Zeit anstarrte.
Er versuchte ein Lächeln und war sicher, dass es ihm misslingen würde.
Sie legte in einer hinreißenden Art den Kopf ein wenig schief.
„Darf ich mich zu Ihnen setzen? Es macht doch keinen Sinn, wenn wir beide alleine an unseren Tischen sitzen. Ich würde mich gerne ein wenig mit Ihnen unterhalten.“
Diese Augen!
Seine Gedanken rasten mit den Gefühlen um die Wette. Er musste eine Entscheidung treffen. Sofort. Durfte er es zulassen? Er hatte ihm ewige Treue geschworen. Sollte er tatenlos zusehen, wie dieser Eid wie ein Kartenhaus in sich zusammenfiel?
Hatte er es nicht verdient, dass er mit ihm redete, ihm eine Chance gab, ihm den Kopf wieder zurecht zu rücken?
Mit einem Ruck stand Markus auf.
„Tut mir leid, aber ich muss gehen.“
Mit hastigen Schritten verließ er das Café. Als er die Tür hinter sich geschlossen hatte, sog er tief die frische Luft ein, schloss einen Moment die Augen und machte sich dann ratlos auf den Weg zu ihm.
Als er die Kirche betrat, fühlte er sich schon ein wenig gefestigter.
In der Sakristei streifte er das Priestergewand über und ging dann zum Altar.
Er kniete nieder und senkte demütig den Kopf, als er sein stilles Gespräch mit ihm begann.
„Vater, ich bin verwirrt, denn du hast mich in Versuchung geführt.“




