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Psychothriller
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Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

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Ein erfülltes Leben

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Es war ein Montagmorgen, der plötzlich eine bunte Parade über die dunkelgraue Nebenstraße schickte, die Alfreds Leben war. Er ließ sich gerade auf den Abdruck fallen, den sein Hintern im Laufe der Jahre im Schaumstoff des Schreibtischstuhles hinterlassen hatte, als helle Fanfahren ertönten, wo sonst nur ein monotones Summen seine Gedanken bestimmte.
Wie jeden Morgen richtete er den Blick zuerst auf das Fenster, suchend, absurd hoffend, irgendwo im Grau der gegenüberliegenden Hausfront einen Hinweis auf den Grund seiner Nichtigkeit zu finden. Eine Erklärung für die Einsamkeit und die schwindende Kraft, mit der er sich verzweifelt an der untersten Sprosse der Mittelmäßigkeit festklammerte.

Ihr überdimensionaler Körper schien mit Lichtgeschwindigkeit auf ihn zuzurasen, beherrschte plötzlich sein gesamtes Gesichtsfeld und ließ ihn erschrocken zurückweichen, bis die Rückenlehne sein instinktives Ausweichmanöver federnd stoppte. Die Zeit schien für einen Moment den Atem anzuhalten, lächelnd zu verharren in ihrem Fluss, um ihm Gelegenheit zu geben, den Anblick zu verarbeiten.
Sie war das schönste Wesen, das er jemals gesehen hatte, und sie machte auf dem riesigen Plakat Werbung für Unterwäsche. Lasziv räkelte sie sich auf einem roten Sofa. Die langen, schwarzen Haare flossen wie ein Seidentuch über die Lehne, berührten mit den Spitzen gerade den glänzenden Boden. Die Linien ihres fast nackten Körpers beschrieben Formen einer sinnlichen Ebenmäßigkeit, die in Alfred eine Ahnung gottgleicher Perfektion erzeugten.
Der Anblick ihrer goldbraunen Haut, ein samtglänzendes, die Sinne benebelndes Versprechen, verursachte eine nie erlebte Nässe in seinem Mund. Alfred musste schlucken, immer wieder, um nicht zu ertrinken in wollüstigem Speichel.
Langsam drückte er sich aus seinem Stuhl und ging mit starrem Blick und zitternden Knien zum Fenster, trunken vom Verlangen nach dieser Göttin. Ohne sein bewusstes Zutun hob sich sein Arm und legte seine Hand auf das glatte Fensterglas, und er spürte dabei nichts von der gefühllosen Kälte des Materials. Nein, er streichelte über diese Haut, ertastete sich den Himmel der Zärtlichkeit, vergaß das Schlucken und war zu entrückt, den dünnen Speichelfaden zu bemerken, der ihm aus dem Mundwinkel lief. Ergab sich schließlich in einem warmen Erguss, der seinen Körper mit der Heftigkeit eines Erdbebens schüttelte und stand dann nur noch bewegungslos da. Er wusste nicht, wie lange er so verharrte. Minuten? Stunden?
Was konnte das schon bedeuten im Angesicht der Vereinigung in einer Zweisamkeit, die menschliche Worte nicht beschreiben können? Irgendwann löste er sich von ihr und ging zu seinem Schreibtisch zurück. Er war selig. Entrückt. Glücklich.
Er machte sich an seine Arbeit, und er empfand Freude dabei. Immer wieder warf er der Geliebten einen kurzen Blick zu, schenkte ihr ein zartes, dankbares Lächeln. Die Mittagspause nutzte er, ihr einen Namen zu geben, sich dabei wohl bewusst, dass kein Name ihr gerecht werden könnte. Irgendwann einigte er sich mit sich selbst auf Chantal.
Chantal! Seine Chantal!

Am Nachmittag erzählte er ihr von seinem bisherigen Leben. Schonungslos offen breitete er sich vor ihr aus. Sie sollte alles von ihm wissen. Er vertraute ihr. Dann stellte er ihr Fragen und prägte sich jedes ihrer Worte ein. Er lachte mit ihr und wurde traurig, als er von ihren Schicksalsschlägen erfuhr. Und immer wieder sagte sie ihm, wie sehr sie ihn liebte.
Es war schon spät, als er das Büro verließ. Viel später als sonst. So schnell er konnte hastete er die Treppenstufen hinab, durch den kleinen Flur, heraus aus dem Gebäude – und konnte sie dann endlich wieder sehen. Wie hatte er sie vermisst!
Den Kopf tief in den Nacken gelegt, sah er ihr in die Augen und ging los.

Der Notarzt konnte nur noch den Tod feststellen. Das Auto hatte ihn in voller Fahrt erfasst, als ohne Zögern auf die Straße getreten war. Den Fahrer traf keine Schuld.

Als der Arzt sich aufrichtete, sagte er leise zu dem Sanitäter, der neben ihm stand: „Ein tragisches Ende, aber haben sie sein Gesicht gesehen? Der Mann muss ein erfülltes Leben gehabt haben.“

copyright 2011 by Arno Strobel