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Aktueller Thriller

Das Skript
Psychothriller
390 Seiten
Fischer TB
ISBN:978-3596191031

 

 

Das Skript
Hörbuch, autorisierte Lesefassung
6 Audio CDs
ISBN: 978-3839811085
Argon

 


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Hochzeitstag

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Das Schaufenster reflektierte die schräg einstrahlende Septembersonne so stark, dass Pia gar keine andere Wahl blieb. Sie musste in das Geschäft gehen, wollte sie mehr als nur undeutliche Schemen von dem roten Kleid sehen, das die dürre Schaufensterpuppe mit ihrem stolzen, fast schon überheblichen Plastiklächeln zur Schau stellte.
Seit einer Stunde schon schlenderte sie durch die Fußgängerzone der Trierer Innenstadt, und immer wieder war sie dabei – zufällig – an diesem Geschäft vorbei gekommen.

Ich möchte es mir wirklich nur ansehen, beschwichtigte sie gleich die vorwurfsvolle Stimme in ihrem Inneren, während sie die wahrscheinlich teuerste Boutique in ganz Trier betrat. Sie wurde dabei von einem sanften Gong angekündigt, der beim Durchschreiten des Eingangs ausgelöst worden war.

Kaum hatte sie die ersten Schritte in das Ladenlokal gemacht, wurde sie sofort umfangen von der edlen, geradezu elitären Atmosphäre. Sanfte Musik, eben so laut, dass sie sich zart von ihr gestreichelt fühlte, schien sie von allen Seiten gleichzeitig zu umgarnen. Die Designer-Kleidungsstücke waren phantasievoll um antike Möbelstücke drapiert oder hingen wie zufällig über den Lehnen hoher Stühle und Sessel.
Lächelnd schritt eine gepflegte Mittdreißigerin auf sie zu. Pia war fast versucht, auf dem Boden nachzusehen, ob dort vielleicht ein dünner Strich gezogen war, worauf die Dame beim Gehen ihre Füße setzte.
„Gnädige Frau, womit kann ich Ihnen dienen?“

Gnädige Frau? Wären noch andere Kundinnen in dem Geschäft gewesen, hätte Pia sich auf diese Anrede hin umgedreht, um zu sehen, wer wohl gemeint war. Zahnarzthelferin Pia Kurtz aus Tawern. Eine gnädige Frau!
„Also, Sie haben da dieses rote Kleid im Schaufenster...“
„Ginetto Galanti, aber natürlich. Dieses Kleid ist nur für Sie geschaffen worden. Darf ich Ihnen ein Glas Champagner und ein paar Erdbeeren anbieten, während ich die Garderobe für Sie herrichte?“
Noch während sie das sagte, kam eine junge, bildhübsche Frau mit einem Tablett auf sie zu, auf dem ein halb gefülltes Champagnerglas und ein kleines Tellerchen mit einigen Erdbeeren standen. Sie benutzte beim Gehen den gleichen Strich. Glas und Teller wurden auf einem kleinen Tischchen direkt neben Pia abgestellt, dann entschwand die Schönheit wieder.
Etwas, von dem sie nicht wusste, was es war, kroch Pia langsam den Rücken herunter und veranlasste die kleinen Härchen dort, sich aufzurichten, als der erste Schluck des kalten, prickelnden Getränkes wie ein Eisbach durch ihre Kehle plätscherte. Sie konnte nur mühsam den Drang unterdrücken, zu schnurren wie eine Katze, der man den Nacken krault. Dann stellte sie das Glas ab und sagte etwas verlegen: „Also, das ist so: Ich wollte mir das Kleid eigentlich nur einmal ansehen. Mein Mann Gerd und ich, wir haben heute unseren zehnten Hochzeitstag wissen Sie, und da...“
„Ach, wie schön. So ein romantisches Fest der Liebe. Und Sie haben sich gedacht, Sie überraschen ihren Liebsten mit einem neuen Kleid, nicht wahr? Er wird sich gleich noch einmal unsterblich in Sie verlieben.“
Die Dame machte große Augen und faltete die Hände vor ihrem Kinn, als wolle sie beten. Dann legte sie den Kopf etwas schief und strahlte Pia an.
„Ich möchte Ihnen ein Geheimnis über die Männer verraten. Wissen Sie, das Bild, das wir Frauen im allgemeinen von ihnen haben, ist vollkommen verzerrt. Es heißt immer, sie sind oberflächlich und bemerken keine äußerlichen Veränderungen an uns."
Nun legte sie behutsam eine Hand auf Pias rechten Oberarm. „Aber ehrlich, sind wir das letztendlich nicht selbst schuld? Wir tauschen ein Kleid von der Stange gegen ein anderes von der Stange aus und erwarten, dass er es bemerkt? Wenn Ihnen jemand eine Blechmünze gegen eine andere tauschen würde, die nur ein wenig anders schimmert, würde Ihnen das auffallen? Nein! Aber jetzt stellen sie sich vor, es vertauscht jemand diese Blechmünze gegen eine goldene mit einem Diamanten in der Mitte. Denken Sie, dass Sie das bemerken würden?“
Wenn die Dame tatsächlich eine Antwort erwartet hatte, ließ sie ihr nicht viel Zeit dazu, denn nach einer knappen Sekunde sprach sie weiter, während Pia sie fasziniert anstarrte.
„Natürlich würden sie das bemerken. Und sie wären demjenigen, der den Tausch vollzogen hat, obendrein noch sehr dankbar. Sehen sie, mit den Kleidern ist es das Gleiche, gnädige Frau.“

Pia schloss die Haustür ganz leise und huschte dann auf Zehenspitzen durch den Flur direkt ins Schlafzimmer. Dabei schlug sie sich die Ecke des Kartons mit dem Kleid darin gegen das Knie und hätte fast laut ‚autsch’ gerufen. Als sie die Tüte auf den Kleiderschrank gelegt und dann ganz nach hinten geschoben hatte, setzte sie sich auf die Bettkante und atmete durch. Gerd saß noch im Wohnzimmer und hatte sie nicht gehört.
Ihr Blick fiel auf die breite Leiste an der Oberkante des Schrankes, welche die Sicht auf den Karton versperrte.
Sie hatte sich ein neues Kleid gekauft und dafür mehr bezahlt, als sie in einem ganzen Monat verdiente. Wahnsinn! Sie hatte es von dem Konto bezahlt, das ihre Eltern ihr vor fünf Jahren zu ihrem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatten. Bis heute hatte sie das Geld nicht gebraucht. Aber es war schließlich ihr zehnter Hochzeitstag und diese Überraschung für Gerd war es ihr wert. Der würde Augen machen! Seine Pia in einem Kleid von Ginetto Galanti! Sie stellte sich sein Gesicht vor, wenn sie vor ihn treten würde.

Nur mühsam konnte Pia die fast euphorische Vorfreude verbergen, als sie das Wohnzimmer betrat und Gerd einen Kuss auf die Stirn gab, auf die Stelle, an der vor zwei Jahren noch Haare gewesen waren.
Er sah von seiner Zeitung hoch. „Hallo Schatz! Wo warst du denn so lange? Du weißt doch, dass ich für sieben Uhr einen Tisch im Rosengarten für uns reserviert habe.“ Er hob den Arm und blickte demonstrativ auf die Armbanduhr. „Noch eine Stunde! Schaffst Du das?“ Sie strahlte ihn an. „Aber sicher, Liebling. Ich werde mich doch nicht verspäten, wenn mein Mann mich in dieses tolle Restaurant ausführt. Ich gehe gleich ins Bad.“

Sie stand vor dem Spiegel, der auf der mittleren Tür des Schlafzimmerschrankes angebracht war und hatte feuchte Augen vor Verzückung. Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie zum letzten Mal so gut ausgesehen hatte. Das schulterlange, braune Haar hatte sie kunstvoll hochgesteckt, so dass die goldenen Ohrringe, ein Hochzeitsgeschenk von Gerd, besonders gut zur Geltung kamen. Entgegen ihrer sonstigen Gewohnheit hatte sie sogar etwas Rouge aufgetragen. Und dann dieses Kleid. Dieser Traum von einem Kleid! Gerade so weit ausgeschnitten, dass man den Ansatz ihres vollen Busens sehen konnte, legte sich der Stoff um ihren Körper wie eine zweite Haut. Die dünnen Träger spürte sie überhaupt nicht auf ihren nackten Schultern. Es war ihr unbegreiflich, wie der Designer es geschafft hatte, aber in diesem Wunder aus Stoff hatte sie eine Taille wie ein Fotomodell.
Nach einem letzten Blick nahm sie ihre kleine, schwarze Handtasche und schritt dann aus dem Schlafzimmer wie eine Braut, die zum Traualtar geführt wird.
Vor der Wohnzimmertür atmete sie noch einmal tief durch, dann trat sie ein und bemühte sich, dabei den würdevollen Gesichtsausdruck aufzusetzen, der diesem Kleid gerecht wurde.

Gerd stand gleich auf und sah dabei wieder auf seine Uhr. „Ah, da bist du ja, und du bist sogar zeitig fertig geworden. Dann las uns mal gehen. Wird bestimmt ein schöner Abend.“ Sie blieb vor der Tür stehen, als er auf sie zukam und versperrte ihm damit den Weg nach draußen. Immer noch sah sie ihn mit einem würdevollen Lächeln an. Jetzt! Jetzt würde er die Augen aufreißen!
Gerd blieb vor ihr stehen und betrachtete sie verwundert. Als sie sich nicht regte, schüttelte er grinsend den Kopf. „Ich verstehe. Du möchtest Wegezoll haben, damit du mich durchlässt. Wie früher. Aber du hast ja Recht! Ist ja unser Hochzeitstag.“ Er beugte sich nach vorne und gab ihr einen Kuss auf den Mund. Dann blickte er sie erwartungsvoll an. Als sie sich immer noch nicht regte, sondern lediglich das Lächeln langsam aus ihrem Gesicht verschwand, wurde sein Blick fragend. „Was ist denn? Du stehst hier, als wärest du erstarrt. Schatz, wir müssen wirklich los.“
Sein Oberkörper ruckte kurz nach vorne, als wolle er losgehen.
Pia bewegte sich keinen Millimeter, sondern sah ihn nur stumm an, nun jedoch deutlich ernster und mit eher steinerner Miene.
Gerd verschränkte die Arme vor der Brust und schüttelte den Kopf.
„Pia, ich weiß nicht, welches Spiel wir gerade spielen, aber wenn es heißt wetten, dass wir zu spät kommen, hast du wirklich gute Chancen zu gewinnen. Was ist denn los?“
„Was fällt dir an mir auf, Gerd?“ Ihre Stimme war leise, fast flüsternd. Er machte einen Schritt zurück, betrachtete sie von oben bis unten und sagte dann: „Du siehst natürlich gut aus wie immer, mein Schatz. Aber können wir jetzt bitte gehen?“ Wie immer?
Ihre Augen füllten sich mit Tränen. „Fällt dir sonst nichts auf?“
„Herrgott noch mal, Pia!“ Mit der rechten Hand schlug er sich seitlich an den Oberschenkel. „Erkläre mir doch bitte, was du hören möchtest und ich werde es dir gerne sagen. Aber höre jetzt auf mit dieser Erwachsenenversion von ‚Ich sehe was, was du nicht siehst.’ Also, noch einmal: Was ist los?“
Fast gleichzeitig traten die Tränen aus beiden Augen und hinterließen eine salzig-feuchte, kitzelnde Spur auf den Wangen, als sie ihr in den Ausschnitt tropften.
„Ich war heute den halben Tag in der Stadt unterwegs, um mir ein schönes Kleid für diesen Abend zu kaufen. Am Ende bin ich in einer unglaublich teuren Boutique gelandet und habe mir das, was du hier siehst, oder besser, was du eben nicht siehst, für einen astronomisch hohen Preis gekauft, weil die Verkäuferin meinte, es würde dich geradezu umwerfen. Und du, du stehst vor mir und siehst es nicht. Ich hätte mir wahrscheinlich eine Kühltasche auf den Kopf setzen können, und du hättest es nicht bemerkt. Ich bin enttäuscht, Gerd! Einfach nur unheimlich enttäuscht!“
Sie machte auf dem Absatz kehrt und rannte ins Schlafzimmer, wo die Tür hinter ihr mit einem ohrenbetäubenden Knall ins Schloss fiel.
Gerd fasste sich an die Stirn und rief ihr nach: „Aber Pia, nun warte doch. Du siehst das völlig falsch!“
Pia lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Natürlich! Sie sah alles falsch. Dieser Ignorant!
Die Schlafzimmertür öffnete sich und Gerd streckte vorsichtig den Kopf herein. Er verharrte einige Sekunden lang in dieser Position, so, als wolle er sich erst ein Bild vom Ernst der Lage machen. Dann kam er in das Zimmer, setzte sich neben Pia und streichelte ihr über den Kopf.
„Nun höre mir doch bitte zu, Schatz. Du Dummerchen! Natürlich habe ich das neue Kleid gesehen. Das muss man doch sofort sehen, so toll ist es. Genauso, wie ich gesehen habe, dass du heute abends Rouge aufgelegt hast. Und dass du die Ohrringe trägst, die ich dir zur Hochzeit geschenkt habe. Mir entgeht keine Veränderung an dir, und sei sie noch so klein. Ich wollte dich doch nur ein wenig auf die Folter spannen. Ich konnte doch nicht ahnen, dass du so schnell aufgibst, Schatz.“
Langsam hob sie den Kopf. „Das hast du alles bemerkt? Ehrlich?“ Er nickte lächelnd. Mit einem Ruck richtete sie sich ganz auf und warf sich in seine Arme.
„Oh Liebling, es tut mir leid. Ich war nur so enttäuscht.“ Sie lehnte sich ein Stück zurück und sah ihm in die Augen. „Kannst du mir verzeihen, dass ich so dumm war? Ja?“
„Schon vergessen. Aber nun las uns gehen. Schließlich sollen alle sehen, wie toll meine Frau aussieht.“ Mit dem Handrücken wischte sie sich die Tränen weg und lächelte.
„Ich muss mich nur schnell wieder etwas zurechtmachen. Nur fünf Minuten, ja?“ „Natürlich. Aber beeile dich bitte.“ Gerd stand auf und ging aus dem Schlafzimmer.
Pia hätte sich selbst ohrfeigen können für ihre Ungeduld. Sie hatte ihm ja auch wirklich kaum eine Chance gelassen, sich zu äußern. Sie musste ja gleich weglaufen, als er nicht innerhalb einer Sekunde ein Loblied auf ihr Aussehen angestimmt hatte. Aber nun war alles gut.
Sie stand auf und etwas fiel zu Boden. Mit einem Griff merkte sie, dass der rechte Ohrring fehlte. Als sie sich bückte, um ihn aufzuheben, gab es ein ratschendes Geräusch und sie verspürte ein kaltes Ziehen im Rücken. Ihr war sofort klar, was das zu bedeuten hatte. Das neue, sündhaft teure Kleid war gerissen.
„So ein Mist“, entfuhr es ihr.
Nachdem sie sich den Schaden im Spiegel angesehen und festgestellt hatte, dass an der Rückseite ein riesiger Spalt klaffte, durch den man die Haut sehen konnte, überlegte sie fieberhaft, was sie tun sollte. Das Kleid konnte sie am nächsten Tag zurückbringen. Die würden das - hoffentlich - in Ordnung bringen können. Wenn sie aber nun, aus welchen Gründen auch immer, nicht bald fertig war, würde Gerd ernsthaft böse werden und ihr Hochzeitstag wäre wirklich gelaufen.
Schnell stieg sie aus dem Kleid und warf es auf das Bett. Der knallrote Stoff sah auf der weißen Bettwäsche aus wie ein großer Blutfleck. Aus dem Schrank griff sie ihr schon älteres, aber ganz nettes dunkelblaues Kleid und streifte es über. Sie stand gerade vor dem Spiegel und zog es an den Hüften zurecht, als die Tür sich öffnete und Gerd feixend das Schlafzimmer betrat.
Vor sich trug er feierlich eine dünne Goldkette mit einem kleinen, goldenen Herzen daran. Er trat von hinten an sie heran und legte ihr die Kette um den Hals. Als der Verschluss eingerastet war, drehte er sie an den Schultern um und ging einen Schritt zurück.
Stolz betrachtete er Pia mehrmals von oben bis unten.
„Mein Geschenk zum Hochzeitstag, mein Schatz! Und ich muss sagen, die Kette passt zu diesem wundervollen, neuen Kleid, als wäre sie eigens dafür gemacht worden.“
Sekundenlang herrschte Stille in dem Raum. Schließlich nickte sie und sagte tonlos: „Ja, du hast recht. Es passt wirklich gut dazu. Danke!“

copyright 2011 by Arno Strobel