Ich gehe ...
Ich gehe.
Mechanisch, ohne Sinn, ohne Ziel.
Gehe um des Gehens Willen.
Schaue die Menschen an, die mir entgegen kommen. Bevor ich etwas erkennen kann, das sie voneinander unterscheidet, gleitet mein Blick durch sie hindurch. Er findet keinen Halt an den maskengleichen, glatten Gesichtern, alle gegossen in derselben Form.
Ich senke den Kopf, möchte die Monotonie nicht mehr sehen.
Wie große, braune Käfer tauchen abwechselnd meine Schuhspitzen unter mir auf. Ich beobachte sie bei ihrem Wettlauf. Führungswechsel im Sekundentakt, ohne Sinn, ohne Ziel.
Ich breche das Rennen ab, setze mich auf eine Bank, die seitlich in meinem Blickfeld aufgetaucht ist.
Horche in mich hinein. Starte eine Expedition zu meinem Mittelpunkt auf der Suche nach Gefühlen, die nach der Katastrophe übrig geblieben sind. Taste mich durch dunkle Höhlen, die heute Morgen noch hell erleuchtete Festsäle waren.
Dichte, klebrige Spinnennetze, frisch gewoben aus Trauer und Schmerz, bedecken die Wände.
Hier und da grabe ich Fragmente aus, Reste eines vergangenen Lebens, zu Ende gegangen vor einer Stunde.
Ich halte ein Stück deines Lächelns in der imaginären, inneren Hand. Ein Bruchteil nur dieser Sonne, die meine untergegangene Welt mit ihren Strahlen erleuchtet hat.
Dort, fast ganz bedeckt mit einer Geröllschicht aus Wut, Verzweiflung und – Hass? -, entdecke ich ein abgebrochenes Trümmerstück. Ein winziges Fragment deiner Zärtlichkeit, die du mir heute Morgen für immer entzogen hast.
Ich sehe mich ratlos dort stehen, in meinem Mittelpunkt, einer Schatzkammer ohne Schatz.
Leer! Ausgeraubt!
Verschenkt an einen anderen.
Ich weine. Schreie … Verstumme.
Dann sprenge ich ihn, diesen zerfallenen Tempel. Versuche alles, was von dir übrig geblieben ist, aus mir heraus zu jagen. Platz zu schaffen für etwas Neues.
Ich öffne die Augen und stehe auf.
Ich gehe.
Auf ein neues Ziel zu. Ab und zu stolpere ich. Über Fragmente, die der Sprengung widerstanden haben.




